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0,456 m²

0,456 m², fast ein halber Quadratmeter. So groß ist nicht nur die aufgeschlagene ZEIT (was beim Umblättern oft für Freude in Bus & Bahn sorgt) sondern auch ein aktueller Artikel über die persönlichen Erfahrungen einer rumäniendeutschen Schriftstellerin mit der Securitate – dem rumänischen Geheimdienst vor ‘89.

Ich empfehle ja manchmal Artikel im Freundeskreis, doch dieser ist besonders lesenswert. Eindrücklich wie selten schildert die Schriftstellerin, mit welchen perfiden Methoden dieser Geheimdienst an der langjährigen Vernichtung ganzer Biografien gearbeitet hat. Und das, ohne immer in Erscheinung treten zu müssen – die bewusst hinterlassenen Spuren in der Wohnung des Opfers, Zermürbung und schließlich Kündigung des Arbeitsplatz’, mysteriöse nächtliche Zugkontrollen… und parallel dazu die öffentliche Diffamierung als Spionin eben jenes Dienstes, der ihr über Jahre zu schaffen machte.

Besonders schockierend, dass sie nach Jahren vergeblicher Versuche ihre Akte einzusehen nur eine frisierte, wohl in großen Teilen manipulierte Akte bekommt. Der Geheimdienst lebt in den weiterhin beschäftigten Menschen weiter – leider kein Spionagetriller, sondern Realität.

Lesen!

„Zwanzig Jahre nach der Hinrichtung Ceauşescus ist sein Geheimdienst weiter aktiv – nur unter neuem Namen. Die alten Akten werden manipuliert, die Beschattungen und Verleumdungen fortgesetzt. Die rumäniendeutsche Schriftstellerin Herta Müller berichtet erstmals über ihre Erfahrungen mit dem Terror“

Was bedeutet das alles?

Ein kleines gelbes Büchlein als „ganz kurze Einführung in die Philosophie“, wie es im Untertitel heißt. Obwohl nur 87 Seiten stark, bietet es in neun Kapiteln einen kleinen Einblick in verschiedene urphilosophische Themen – und dass, ohne die Namen der jeweiligen Hauptdenker nennen zu müssen.

Sehr verständlich und kompakt geschrieben (klar, ist ja auch aus dem Englischen übersetzt) greift es Themen auf wie „Das psychophysische Problem“ (durch die Neurowissenschaften mal wieder aktuell), „Die Bedeutung von Wörtern“, „Willensfreiheit“ und den Klassiker: „Der Sinn des Lebens“. Während die ersten fünf Kapitel recht kraftvoll geschrieben sind, bieten die letzten vier Themenbereiche (Recht und Unrecht, Gerechtigkeit, Tod und eben Sinn des Lebens) zum Teil eine recht schwache Argumentation, die mir persönlich zu politisch korrekt und zu weichgespült ist. Wenn Sprache Denken wiederspiegelt, dann wurde in diesen Kapiteln mit lesbaren Scheuklappen gedacht. Schade, darunter leidet die Schärfe der Erkenntnis.

Insgesamt trotzdem ein sehr zu empfehlendes Buch, das mit jedem der neun Kapitel mehr fordert als die 87 Seiten vermuten lassen. Schon das Kapitel „Willensfreiheit“ belohnt mit Gedanken, für die sich die 2,60 Euro für das Reclam-Heft bereits lohnen.

Den (bisher von mir verstandenen) Determinismus will ich ja eigentlich ablehnen, trotzdem bleibt diese spannende Frage hängen: Kann die Verantwortlichkeit für unsere Handlungen einen Sinn haben, wenn diese nicht determiniert sind? Wie bestimme ich dann meine Entscheidungen, wenn sie durch nichts an oder in mir bestimmt sind?

Die Pest

Sprachgewaltig ohne Ende (wenn ich das mal so salopp schreiben kann, und das wird selbst in der deutschen Übersetzung spürbar!) beschreibt Camus in seinem Roman die Zeit der Pest in der algerischen Küstenstadt Oran. Die ersten Ratten sterben, weitere, viele… zack, und schon schließen sich die Tore der Stadt auf unbestimmte Zeit. Keiner darf raus, keiner will rein. Wie sich die Menschen in dieser Extremsituation einrichten, beschreibt Camus an einigen wenigen Personen – die Masse der Leidenden bleibt im Dunklen.

Wie lange die Pest dauert, wird im Buch gut deutlich – es zieht sich hin. Wer die Langwierigkeit ertragen kann, der wird 350 Seiten später mit eigenartigen Gefühlen überrascht. Das Ende kommt plötzlich, schnell und entspricht so gar nicht der Leidenszeit zuvor. Aber so ist es wohl… dehnt sich die Zeit der Schmerzen bis ins Unendliche, scheint die anschließenden Zeit der Freude zu rasen. Einzig die persönliche Erinnerung verbindet das was war mit dem was ist… und das ist manchmal ziemlich viel. Und da geht es den Menschen im Buch genauso wie es mir im Ende April erging – sie und ich wollen die Zeit am liebsten langsamer laufen lassen.

Die Tiefe des Werkes wird erst dann richtig deutlich, wenn man den Text an sich ran lässt, das eben gelesene neu interpretiert. Da muss man kein Camus-Seminar besuchen, als erster Schritt reicht schon der Blick in den ausführlichen und trotzdem lesenswerten Artikel bei Wikipedia. Insbesondere zur Philosophie Camus’ stehen da spannende Sachen.

Rieux wandte sich Paneloux zu.

[...] es gibt Zeiten in dieser Stadt, da ich nur mehr meine Empörung spüre.“

„Ich verstehe“, murmelte Paneloux. „Es ist empörend, weil es über unser Maß geht. Aber vielleicht müssen wir lieben, was wir nicht verstehen können.“

Der Vorleser

Auf geht’s zur zweiten Station auf der Leserreise durch den Bücherkosmos meines Rucksacks.

„Als ich fünfzehn war, hatte ich Gelbsucht.“

Mit diesem lapidaren Satz beginnt das Buch, dass gleich zwei große Tabus anpackt, die nichts miteinander zu tun haben. Zum einen der oft verstellte Blick auf die individuelle Schuld am Holocaust, die nicht weniger wird nur weil ganze Gruppen daran beteiligt waren. Und ein ganz anderes Tabu, die Liebe zwischen einem minderjährigen Jungen und einer 21 Jahre älteren Frau. Die Liebe nimmt ihren Anfang, als der gelbsuchtgeschwächte Junge der Frau fast vor die Füße kotzt, die ihn dann nach Hause bringt und bei der er sich dann später bedanken will. Diese Liebe findet ihren fast täglichen Höhepunkt (das Wortspiel musste sein…;-) in ihrem Bett, zeitlich eingeklemmt zwischen ihrem Dienstschluss und seiner Verpflichtung zum elterlichen Abendbrot zu erscheinen.

Am Rande wird auch ein weiteres spannendes Thema behandelt:

„Stell dir vor, jemand rennt in sein Verderben, absichtlich, und du kannst ihn retten – rettest du ihn?“

Diese Frage stellt sich der nun erwachsene Junge, als sich seine ehemalige Sexpartnerin vor Gericht zu Dingen bekennt, die sie nachweislich nicht begangen haben kann. Das weiß außer ihr aber nur er. Soll er ihr helfen? Darf er ihr helfen? Der Philosophie lehrende Professorenvater wird um Rat gefragt und belehrt ihn:

„Erinnerst du dich nicht mehr, wie es dich als kleinen Jungen empören konnte, wenn Mama besser wusste als du, was für dich gut war? Schon inwieweit man das bei Kindern tun darf, ist ein wirkliches Problem. [...] Aber bei Erwachsenen sehe ich schlechterdings keine Rechtfertigung dafür, das, was ein anderer für sie für gut hält, über das zu setzen, was sie selbst für sich für gut halten.“

– „Auch nicht, wenn sie später selbst damit glücklich damit sind?“

„Wir reden nicht über Glück, sondern über Würde und Freiheit. Schon als kleiner Junge hast du den Unterschied gekannt.“

Wie aktuell das Thema ist, zeigt auch ein Fall einer Finnin, die es vorzieht auf den Berliner Flughäfen zu leben statt in ihr Heimatland zurück zu kehren. Dadurch fühlen sich Gericht und Pfarrer veranlasst, sich ungefragt mit ihr zu beschäftigen. Die Ratlosigkeit über die nicht gewollte Hilfe schreit einem in dem Spiegel-Artikel fast schon entgegen. Helfer helfen eben auch sich selbst…

D.Anke für die Leseempfehlung!

Ist Glück nur unerkanntes Unglück?

„Warum? Warum wird uns, was schön war, im Rückblick dadurch brüchig, das es häßliche Wahrheiten verbarg? Warum vergällt es die Erinnerung an glückliche Ehejahre, wenn sich herausstellt, das der andere die ganzen Jahre einen Geliebten hatte? Weil man in einer solchen Lage nicht glücklich sein kann? Aber man war doch glücklich! Manchmal hält die Erinnerung dem Glück schon dann die Treue nicht, wenn das Ende schmerzlich war. Weil Glück nur stimmt, wenn es ewig hält? Weil schmerzlich nur enden kann, was schmerzlich gewesen ist, unbewusst und unerkannt? Aber was ist unbewusster und unerkannter Schmerz?“

Bernhard Schlink, Der Vorleser

Spannende Frage, ob Glück eigentlich nur unerkanntes Unglück ist. Es darf diskutiert werden. Demnächst mehr zum Buch… jetzt geht’s aber erstmal in die Sonne… :)

Das Spiel ist aus

Bis jetzt habe ich 1 ½ Jahre meines Lebens außerhalb Deutschlands verbracht (nein, Pirna zählt nicht mit dazu… sorry, der musste sein;-) und immer wieder meinen erhöhten Buchkonsum feststellen können. Das zieht sich echt von Neuseeland über Iran bis Rumänien durch, ich lese im Ausland einfach mehr. Deswegen gibt’s in loser Folge ein paar Gedanken zu den Büchern, die ich hier gelesen habe. Los geht’s mit Jean-Paul Sartres „Das Spiel ist aus“, mal was Nichtexistenzialistisches vom großen Existenzialisten.

Von Sartre als Drehbuch geschrieben, lässt’s sich doch recht flüssig, fast schon zu leicht lesen. Doch das täuscht über den komplexen Inhalt hinweg, der unter der flotten Handlung erst entdeckt werden will. Die einfachsten Bücher sind ja meist am schwersten zu verstehen. Nur so viel zur Handlung, der Inhalt darf selber entdeckt werden: Zwei Menschen, eine Dame der feinen Gesellschaft sowie ein Herr, der den lieben langen Tag die Revolution gegen eben jene feine Gesellschaft plant, sterben zu gleicher Stunde durch äußere Gewalt und begegnen sich im Reich der Toten zum ersten Mal. Sie erfahren, dass sie zu Lebzeiten trotz aller Gegensätze füreinander bestimmt waren, verlieben sich und kehren für 24 Stunden zu den Lebenden zurück. Wenn sie es schaffen, sich innerhalb dieser Zeit „in vollem Vertrauen und mit aller Kraft“ zu lieben, dann erhalten sie ihr Leben zurück.

Klingt erstmal nicht allzu tricky, schließlich wissen beide dass sie füreinander bestimmt waren, die Basis der Vertrauens ist also da. Wäre da nicht das Wissen, dass sie im Reich der Toten über ihre Mörder und deren weitere Pläne bekommen haben… die Vergangenheit holt sie ein.

Wer Sartre kennt, kann sich denken wie’s ausgeht. Gerade deswegen ein zutiefst menschliches, schönes Buch. You live only once, baby… und trotzdem leben manche so als wär’s erst die Generalprobe.